Am 6. September 1492 stach ein Mann mit drei Schiffen von einer winzigen Kanaren-Insel aus in den offenen Atlantik – hinaus ins Unbekannte, wo nach Meinung vieler die Welt einfach aufhörte. Der Mann war Christoph Kolumbus, und die Insel war La Gomera. San Sebastián, ihr kleiner Hafenort, war die letzte Station vor der großen Überfahrt. Hier füllten Kolumbus' Matrosen ihre Fässer am Brunnen 'Pozo de la Aguada' – und weil dieses Wasser mit über den Ozean fuhr, sagt man auf La Gomera stolz: 'Mit diesem Wasser wurde Amerika getauft.' In der kleinen Kirche Iglesia de la Asunción beteten die Seeleute vor der Abfahrt, und im Haus, das heute 'Casa de Colón' heißt, soll Kolumbus gewohnt haben. Über allem wacht bis heute der Torre del Conde, ein wuchtiger roter Turm von 1450 – das älteste militärische Gebäude der Kanaren.
Doch La Gomera hat noch ein viel älteres Wunder: eine Sprache, die man nicht spricht, sondern pfeift. Die Insel ist zerfurcht von tiefen Schluchten, den 'Barrancos'. Von einem Berghang zum nächsten zu rufen, ist sinnlos – also erfanden die Hirten das 'Silbo Gomero'. Sie übersetzten das Spanische in Pfiffe, hoch und tief, kurz und lang, und können so über die Schluchten hinweg ganze Sätze austauschen. Ein guter Pfiff trägt bis zu fünf Kilometer weit – weiter als jede Stimme. Fast wäre die Pfeifsprache ausgestorben, doch heute lernen sie alle Kinder der Insel in der Schule. Es ist die einzige voll entwickelte Pfeifsprache der Welt, die noch eine ganze Bevölkerung beherrscht – die UNESCO hat sie zum Welterbe erklärt.
Und dann ist da der Nebelwald. Hoch oben in der Inselmitte, oft in Wolken gehüllt, liegt der Nationalpark Garajonay: ein 'Lorbeerwald', wie er einst vor Millionen Jahren fast ganz Südeuropa bedeckte, als noch Verwandte der Dinosaurier lebten. Anderswo ist er längst verschwunden – hier, im ständigen Nebel, hat er überlebt. Von Moos behangene Bäume, tropfende Farne, grünes Dämmerlicht: Man geht hindurch wie durch einen Wald aus der Urzeit.
San Sebastián selbst ist ein ruhiger, bunter Ort: Palmen an der Plaza, ein schwarzer Sandstrand gleich am Hafen, weiß getünchte Häuser mit Holzbalkonen. Nichts ist hektisch, alles liegt nah beieinander.
Für Familien ist La Gomera ein Tag zum Staunen: auf Kolumbus' Spuren durch die Altstadt, einem Insulaner beim Pfeifen zuhören, und – wer Zeit hat – hinauf in den märchenhaften Nebelwald, wo die Bäume Bärte aus Moos tragen.