Sie steigen aus dem Tenderboot, gehen ein paar Minuten über einen warmen Sandweg – und dann stehen Sie vor Granitblöcken so groß wie Einfamilienhäuser, die jemand wie Murmeln an den Strand gekippt zu haben scheint. Das ist The Baths, das Herzstück von Virgin Gorda und der Grund, warum Kreuzfahrtschiffe überhaupt hier ankern. Die Felsen sind rund 70 Millionen Jahre alter Granit: einst glühendes Gestein, das tief unter der Erde erstarrte, über Jahrmillionen freigelegt und vom Meer rundgeschliffen wurde. Zwischen den Blöcken haben sich Grotten, flache Wasserbecken und schmale Gänge gebildet, durch die Sie an Holzleitern, Seilen und Stegen klettern.
Für Kinder ist das der beste Abenteuerspielplatz der Karibik. Der Pfad vom Hauptstrand bis zur Devil's Bay ist nur etwa 800 Meter lang, dauert aber gut eine halbe Stunde – weil man mal in die Knie geht, mal durch knietiefes Wasser watet, mal über eine Leiter eine Felsstufe nimmt. Am Ende liegt eine kleine Sandbucht mit ruhigem, klarem Wasser, in dem schon Dreijährige planschen. Wichtig für Familien: The Baths ist keine Buggy-Strecke. Kleine Kinder gehören in die Kraxe oder an die Hand, feste Sandalen sind Gold wert, und Schwimmwesten nehmen Sie am besten mit.
Virgin Gorda ist die drittgrößte der Britischen Jungferninseln, und ihr Name entstand 1493: Christoph Kolumbus soll die Insel mit ihrem langen, rundlichen Bergrücken – dem 414 Meter hohen Gorda Peak – für eine liegende, füllige Frau gehalten und sie "Virgin Gorda", die "dicke Jungfrau", getauft haben. Ob die Geschichte stimmt oder Seemannsgarn ist, weiß niemand mehr – erzählt wird sie bis heute an jeder Bar der Insel.
Der Hauptort Spanish Town ist überschaubar geblieben: eine Handvoll Straßen rund um den Yacht Harbour, ein Supermarkt, ein paar Läden, Segelboote im Hafenbecken. Wer Großstadt sucht, ist hier falsch – wer eine Insel sucht, auf der Kinder barfuß über den Steg laufen dürfen, genau richtig. Ein zweiter, oft übersehener Ort ist Coppermine Point an der Südostspitze: Dort stehen die Ruinen einer Kupfermine, in der zwischen 1838 und rund 1867 kornische Bergleute Kupfer aus dem Fels holten. Heute klettern hier vor allem Ziegen über die alten Mauern, während unten die Brandung gegen die Klippen schlägt.
Die meisten Familien machen es so: morgens mit dem offenen Safari-Bus die zehn Minuten hoch zu The Baths, durch die Felsen zur Devil's Bay klettern, schnorcheln (die besten Fische stehen am äußeren Riffrand – nur für sichere Schwimmer), und mittags zurück in den Schatten. Nachmittags bleibt Zeit für den ruhigeren Spring Bay Beach gleich nebenan, der fast dieselben Felsen bietet, aber deutlich weniger Menschen. Wer noch Energie hat, nimmt am Kai einen Becher Eis und schaut den Tenderbooten beim Pendeln zu.
Wer noch Zeit hat, sollte einen Blick unter die Wasseroberfläche werfen: Schon im flachen, geschützten Wasser zwischen den Felsen ziehen bunte Papageifische, silbrige Sergeant-Majors und manchmal ein neugieriger Schildkrötenkopf vorbei. Die Riffe rund um Virgin Gorda gehören zu den klarsten der Karibik, und für das erste Schnorchel-Erlebnis der Kinder reicht oft schon ein ruhiges Becken direkt am Strand. Verwaltet wird The Baths vom BVI National Parks Trust, der die Felslandschaft samt Strand als Schutzgebiet erhält – nehmen Sie also nur Fotos mit und lassen Sie Muscheln und Steine dort, wo sie sind.
Zwei Dinge sollten Sie einplanen: The Baths ist ein Nationalpark mit kleiner Eintrittsgebühr (rund 3 US-Dollar pro Person), und bei hohem Seegang kann der Tenderbetrieb kurzfristig ausfallen – dann ankert das Schiff manchmal direkt vor den Felsen statt in Spanish Town. Fragen Sie an Bord, wo Ihr Tender anlandet, bevor Sie den Tag planen.