Wer heute in der türkisen Lagune von Ocean Cay schnorchelt, würde nie vermuten, was hier früher passierte. Vor sechzig Jahren war dieser Fleck im Meer eine Baustelle mit Kränen, Förderbändern und Schloten. Es gab die Insel damals noch gar nicht – Menschen haben sie gemacht.
In den 1960er-Jahren baggerte die Firma Dillingham hier im flachen Wasser der Bahamas, rund 100 Kilometer östlich von Miami, eine künstliche Insel auf. Der Grund: ein besonderer weißer Sand namens Aragonit. Das ist Kalk, den das warme Meer der Bahamas in winzigen Körnern ausfällt. Aragonit steckt in Zement, in Glas und in Stahl. Jahrzehntelang wurde er hier abgebaut, auf Schiffe geladen und in die ganze Welt verkauft. Die Insel bekam einen nüchternen Namen: Ocean Cay, „Meer-Insel". Als sich der Abbau nicht mehr lohnte, ließ man sie zurück – mit rostenden Maschinen und aufgewühltem Meeresboden.
2015 pachtete die Reederei MSC die Insel für 100 Jahre. Was dann geschah, dauerte fast vier Jahre. Arbeiter schafften rund 7.500 Tonnen Altmetall und Schrott weg. Sie schütteten aus dem Baggersand acht Strände auf, pflanzten Tausende Palmen und Pflanzen und legten in der Lagune neue Riffe an, an denen sich Korallen ansiedeln sollen. Aus der Industrie-Ruine wurde ein Meeresschutzgebiet: das Ocean Cay MSC Marine Reserve. Im November 2019 legte das erste Kreuzfahrtschiff an. Rund um die Insel darf nicht mehr gefischt werden; Forscher züchten hier Korallen nach, um die kranken Riffe der Region wieder zu bevölkern.
In der Mitte der Insel steht ein rund 30 Meter hoher Leuchtturm in Rot und Weiß. Über 160 Stufen führen hinauf. Wenn es dunkel wird, verwandelt er sich: Farbiges Licht wandert an ihm hoch und erzählt in einer Show die Geschichte des Meeresschutzgebiets. Dazu spielen bahamaische Musiker, und manchmal zieht eine Junkanoo-Parade mit Trommeln und bunten Federkostümen über die Insel – ein alter bahamaischer Umzug, der sonst zu Weihnachten gefeiert wird.
Zu den Bahamas gehört auch eine alte Seemannslegende. Erzählt wird von der Lusca, einem riesigen Ungeheuer, halb Tintenfisch, halb Hai, das tief unten in den „Blue Holes" lauern soll – jenen kreisrunden, tiefblauen Löchern im flachen Meer. Wenn das Wasser über einem Blue Hole plötzlich in die Tiefe zieht, sagen die alten Fischer, dann atme die Lusca gerade ein. Gesehen hat sie niemand. Aber die Blue Holes gibt es wirklich, und manche sind über hundert Meter tief.
Für Familien ist Ocean Cay heute eine Insel zum Barfußlaufen. Man geht direkt vom Schiff über eine Brücke an Land – kein Tenderboot, kein Bus. Acht Strände liegen bereit, das Wasser in der Lagune ist flach und ruhig, ideal für kleine Kinder und zum ersten Schnorcheln. Es gibt Familienbereiche mit Spielangeboten, Liegestühle im Sand und, wer mag, gegen Aufpreis eine eigene Strandhütte. Abends, wenn die anderen Inseln der Bahamas längst dunkel sind, leuchtet hier der Leuchtturm – auf einer Insel, die es ohne Menschen gar nicht gäbe.