Piräus ist nicht Athen. Aber Piräus ist der Grund, warum Athen wurde, was es wurde. Hier liegt der Hafen. Schon seit 2500 Jahren.
Im Jahr 493 vor Christus überzeugte Themistokles, ein Athener Politiker und Stratege, seine Mitbürger davon, dass die Stadt einen richtigen Hafen brauchte. Bis dahin hatten die Athener ihre Schiffe einfach am Strand von Phaleron gezogen. Themistokles wollte mehr: Drei natürliche Buchten in Piräus - Kantharos, Zea und Munichia - sollten zu Kriegshäfen werden. Mauern sollten Athen mit dem Hafen verbinden, sieben Kilometer lang. Die Langen Mauern. Die Athener stimmten zu. Was darauf folgte, war die Geburt der ersten Seemacht der Welt.
Die athenische Flotte mit 200 Trieren - schnellen Ruderschiffen mit drei Reihen Ruderern übereinander - schlug 480 vor Christus die Perser bei Salamis. Die Perser hatten nach antiker Überlieferung 1200 Schiffe, die Athener gewannen trotzdem. Salamis liegt 5 Kilometer von Piräus entfernt, du siehst die Insel vom Schiff aus. Hier entschied sich, ob Europa von einem persischen Großreich beherrscht werden sollte oder selbst seinen Weg gehen würde.
Piräus blühte. Der Hafen wurde zur reichsten Handelsmetropole der griechischen Welt. Sklaven, Getreide, Wein, Olivenöl, Marmor und Silber gingen über die Kais. Hier lebten Gastarbeiter aus Phönizien, Ägypten, Italien. Der Philosoph Sokrates wanderte gerne von Athen herab nach Piräus, um mit den Fremden zu diskutieren. Eine Geschichte, die Plato in 'Der Staat' (Politeia) verewigte. Der erste Satz dieses berühmten Buchs lautet: 'Ich ging gestern hinab nach Piräus.'
431 vor Christus brach der Peloponnesische Krieg aus, Athen gegen Sparta. 27 Jahre Krieg. Athen verlor. Die Spartaner zerstörten die Langen Mauern und damit den Hafen. Piräus erholte sich nie ganz von diesem Schlag. Die Römer kamen, dann die Byzantiner, dann die Osmanen. Piräus schrumpfte zu einem unbedeutenden Fischerdorf mit ein paar Dutzend Bewohnern.
Erst 1834, als Athen Hauptstadt des unabhängigen Griechenlands wurde, kam Piräus zurück. Innerhalb weniger Jahrzehnte planten die Architekten Stamatis Kleanthis und Eduard Schaubert eine ganz neue Stadt mit klarem Straßenraster und repräsentativer Architektur. Bis zur Wende zum 20. Jahrhundert war Piräus das größte Industriezentrum Griechenlands. Heute leben hier rund 170.000 Menschen, der Hafen ist der größte des Mittelmeers nach Container-Umschlag und einer der geschäftigsten Kreuzfahrt-Stops Europas. Du landest hier am gleichen Ort, an dem schon Sokrates sich verlaufen hat. Das ist nicht romantisch gemeint, das ist einfach so.